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Liebe auf den ersten Schluck

erstellt am: 05.01.2014 | von: Kathrin Lucia | Kategorie(n): Italien, Life, Travel

Eine Reportage über einen jugendlichen Wein-Genusstrip entlang der Südtiroler Weinstraße.

20131117_103410Für fast ganz Europa sagt der Wetterdienst im Umkreis von bis zu acht Autostunden von München an jenen Tagen Mitte November kalte Nässe und ein paar sonnenbefreite Tage vorher. Die allseits vermittelte Illusion vom größstädtischen Spontantrip mit dem Flugzeug ins Warme erstickt unter den abstrus hohen Preisen, die mir beim Aufruf der einschlägigen Buchungsportale entgegenschlagen. Ganz ehrlich, so habe ich mir das Jet-Zeitalter nicht vorgestellt. Aber halt, da gab es doch noch etwas… richtig… das Land hinter den Bergen…der ewige Zufluchtsort aller Deutschen mit Schönwettersehnsucht: Norditalien! Das ist es! Ich will aber nicht irgendwohin, sondern dorthin, wo dieses einmalige Konglomerat aus Sonne, Bergen, Natur und Lebensfreude seinen Ursprung hat: Südtirol! Insgeheim frage ich mich, ob ich dafür nicht noch etwas zu jung bin. Aber gut, unverschämte 300 Sonnentage im Jahr und verschiedenste flammende Begeisterungsbekundungen meiner Eltern sowie Großeltern können nicht irren: Wenn Südtirol hält, was es verspricht, erwartet mich neben der Idylle rund um Bozen und Kaltern mit dem immer lauwarmen Kalterersee und dem berühmten Südtiroler Wein außerdem eines: Sonne. Wer hätte gedacht, dass ich jene aufregend unaufregende Reise noch vor Antritt meines Ruhestandes angehen werde…

Kalterer See

Blick über die Weinberge im Herbst zum Kalterer See

Und so führt uns unser der Weg von München aus über den Brenner in jenes sagenumwobene Gebiet im Herzen der italienischen Alpen zwischen Österreich und der Schweiz. Zusammen mit Andreas, meinem Begleiter und Chauffeur, erlebe ich nun den deutschen Traum der Wirtschaftswunderjahre: Einmal mit dem eigenen Auto über den Brenner nach Italien. Andreas wird dabei ganz sentimental, da er mit dieser Strecke wohl innige Erinnerungen pflegt und dies zum Anlass nimmt, nochmals seine Kindheit und viel zu frühe Adoleszenz in einem nicht enden wollenden Redeerguss Revue passieren zu lassen. Was am Anfang noch erheiternd ist, nimmt nach mehr als einer Stunde doch etwas redundante Züge an und ich versuche mich nett, aber bestimmt, auf mein Buch zur Weinkunde zu konzentrieren. Zumindest können wir durch unsere geschickt gewählte Reisezeit im Spätherbst die vornehmlich im Spätsommer anrollenden wackeldackelbestückten Mercedes-Oldtimer-Kolonnen gen Südtirol umgehen und kommen nach gut drei Stunden hungrig und durstig im – na toll! – regnerischen Kaltern an. Für eine Einkehr bleibt keine Zeit mehr. Wir haben uns kurzfristig noch für den gleichen Abend zu einem der Seminare in der Südtiroler Weinakademie angemeldet, im Rahmen dessen wir uns zum Auftakt unserer Weinreise zunächst tiefgründiges Weinwissen aneignen wollen. Dank langjähriger Gastronomieerfahrung reicht mein Wissen so weit, dass ich weißen von rotem Wein sowohl visuell als auch gustatorisch unterscheiden kann. Bei meinem Begleiter bin ich mir da nicht so sicher…

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In der zentral gelegenen Akademie in Kaltern angekommen, werden wir bereits sehnsüchtig erwartet. Das Einführungsseminar ist einer der Programmpunkte, die wir über den Südtiroler „Winepass“ besuchen können, den ich uns noch vorab organisiert habe.  Ab 35 Euro pro Person kann man mit dem Pass drei (bzw. sieben) Tage lang an zahlreichen Weinverkostungen, Kellerführungen und Weinseminaren teilnehmen und außerdem alle öffentlichen Verkehrsmittel des Südtiroler Verkehrsverbundes nutzen. Manuela Pircher von der Südtiroler Weinakademie heißt uns willkommen und stellt uns Jürgen Geier, unserem Seminarleiter, vor. Jürgen ist Reiseleiter, Autor und Sommerlier bei der Kellerei Tramin. Mit charmantem Südtiroler Akzent fordert er uns auf, an dem großen runden Holztisch Platz zu nehmen.
Ich mag Menschen, die so für ihren Beruf brennen, dass sie es schaffen, innerhalb kürzester Zeit auch andere mit dieser Leidenschaft regelrecht anzustecken. So ergeht es mir bereits nach wenigen Minuten, die ich Jürgen Geier zuhöre, während er uns begeistert über die Geschichte und Besonderheiten der Südtiroler Weine erzählt.

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Jürgen Geier, Sommelier

Rund Rund 330.000 Hektoliter Wein Hektoliter Wein werden in Südtirol jährlich erzeugt. Das sei lediglich ein Prozent der Jahresproduktion Italiens. „Doch obwohl Südtirol eines der kleinsten Weinanbaugebiete in Italien ist, räumen die Südtiroler Weine regelmäßig die bedeutendsten Auszeichnungen ab“, sagt er. In dem renommierten italienischen Weinführer „Gambero Rosso“ seien es zahlreiche Südtiroler Tropfen, die die Liste anführten. Weinbau in Südtirol hat eine lange Tradition. Die unterschiedliche Beschaffenheit der Böden sowie die verschiedenen Klimazonen auf engstem Raum lassen mehr als 20 Rebsorten auf dem kleinen Gebiet gedeihen. „Viele Reben haben ihren Ursprung in Vorderasien und bist heute ist nicht ganz geklärt, wie sie letztendlich den Weg bis in die Alpen gefunden haben. Man kann aber sagen dass Sorten wie  Vernatsch, Lagrein und Gewürztraminer mittlerweile autochtone, also heimische Sorten sind“, erklärt Jürgen. Doch gerade wenn es um die Herkunft des Gewürztraminers geht, schlagen sich Weinexperten seit Jahrhunderten gegenseitig die Köpfe ein.
„Wein ist in Südtirol tief verbunden mit der Kultur und den Menschen. Der Wein ist das, was den Rhythmus und das Leben hier bestimmt“, sagt Jürgen. Auch das werden wir nach unserem Ausflug in die Südtiroler Hauptstadt Bozen am nächsten Morgen bestätigen können. Kein Restaurant, kein Café, passieren wir, an dem nicht schon mittags ein paar kräftige Schlucke des teuren Rebensaftes ausgeschenkt werden. Diese Allgegenwärtigkeit des „Lebenselixiers“ Wein in Südtirol wird uns dann auch abends in durchaus beeindruckenden und ungekannten Dimensionen zuteil:

Weinausschank in der Bar ...

Weinausschank in der Bar … (Punkt Punkt Punkt) in Kaltern: Natürlich nur aus XXL-Flaschen

Nach der zwar bislang trockenen aber verbal erfrischenden Einführung von Jürgen, soll es nun ans Eingemachte gehen: Der Weinverkostung. Ich bin schon ein wenig aufgeregt, wenn ich daran denke, dass ich gleich zur Weinexpertin mutieren werde. Vor uns stehen vier Flaschen Wein, die wir uns nun unter der Anleitung von Jürgen möglichst gekonnt zu Gemüte führen werden.
Doch bevor das edle Gesöff unsere Banausenkehlen hinabfließt, zeigt uns Jürgen noch, wie man eine Weinflasche stilgetreu  und sommeliers-like öffnet: „Die Flasche wird am Tisch vor den Gästen geöffnet“, erklärt Jürgen. Dazu benutzt er ein so genanntes „Kellnermesser“, mit dem er zunächst die Kapsel am Flaschenhals sauber abtrennt. Dann erst setzt er die Spindel an und dreht sie ein Stück weit in den Korken – nicht ganz bis zum Durchbruch. Um den Supergau zu vermeiden: Das Abfallen von Korkenstücken in den Wein. Mit Hilfe des kleinen Hebels am Kellnermesser, den er am Flaschenrand ansetzt, lässt sich der Korken leicht und trotzdem schnell heraushebeln. Aber Achtung: Kurz vor dem Höhepunkt gilt es, das letzte Stück behutsam und sanft herauszuziehen um den großen „Flop“ zu vermeiden, der doch bei prickelnden Champagnersorten sehr publikumswirksam und lustig sein kann. „Unter Kennern ist das Floppen absolut verpönt, weil  das rustikale Öffnen nicht mit der Eleganz der Weine kompatibel ist“ warnt Jürgen. Vor allem beim Schaumwein nehme das entweichende Kohlendioxid dem Wein Aroma, der Wein „erschrecke“ sich.

Von Weinstabilisierung-Maßnahmen und „Koreanern“ unter den Weinen

Jürgen schenkt uns zunächst ganz wenig ein – der obligatorische erste Schluck im Glas, bei dem der Gast den Wein darauf testet, ob er einen „Weinfehler“ hat. Diese können entweder bei der Produktion entstehen, etwa durch unerwünschte Effekte bei der Gärung, der Lagerung oder durch „externe“ Materialien wie dem Korken. „Am Häufigsten kommt es vor, dass der Wein während der Lagerung zu viel Luft bekommt und dadurch oxidiert“, erklärt Jürgen. Während der Reifung und Lagerung der Weine sei es deshalb wichtig, die Qualität regelmäßig zu überprüfen. Aufgabe des Kellermeisters, der bis zu zweimal täglich in den Keller geht um jedes einzelne Fass zu verkosten. Wird eine so genannte „Fehlernote“ entdeckt, könne man versuchen, den Wein durch gewisse „Stabilisierungsmaßnahmen“, wie Jürgen es nennt, zu retten. Ich frage mich, wie viele feinfühlige Winzer wohl schon einen Herzinfarkt davongetragen haben, weil eines ihrer mit dem geliebten Rebensaft gefüllten hölzernen Babys auch nach Anwendung der stabilen Seitenlage und anderen Erste-Hilfe-Maßnahmen nicht mehr zum „Leben“ in Form eines trinkbaren Weines erweckt werden konnten.
Wir haben Glück: nachdem sich unser Tröpfchen offensichtlich weder erschrocken hat, noch oxidiert, korkt, beißt oder wild um sich schlägt, schenkt uns Jürgen ein paar große Schlücke des Gewürztraminers nach. Jetzt sind wir am Zug, wir sollen jetzt nach allen Regeln der Kunst und unter seiner Aufsicht die Tropfen „verköstigen“. Im Gegensatz zu meinem total ignoranten Begleiter (Zitat: „Wenn ich Wein getrunken habe, war der immer mit Cola gemischt – hieß ‚Korea‘ – kennst du das?“), hoffe ich nun etwas aus meinem angelesenen Weinwissen in die Praxis umsetzen zu können. Ich will gerade ansetzen, da sagt Jürgen: „Zuerst betrachten wir die Farbe des Weines“. Oh man, wenn das hier so weitergeht, vertrockne ich. Dann sehen wir uns den guten alten Tropfen halt mal an. Mein Urteil: urinfarben. Im Fachjargon auch „goldgeld“ oder „bernsteinfarben“ genannt, klärt mich Jürgen auf. Klingt zugegebenermaßen auch appetitlicher.
Weißweine würden mit dem Alter kräftiger in ihrer Farbe. Der goldgelbe bis bernsteinfarbene Ton sei charakteristisch für ältere Weißweine.Und tatsächlich:  Ein dicker, fast schon ölartiger Rand setzt sich am Rand ab, als ich den Wein im Glas schwenke. „Je länger die Schlieren hängenbleiben und abrinnen, desto dichter und körperreicher ist der Wein“, sagt Jürgen und fügt hinzu: „wir sagen auch: alter Wein wird miad.“ Das werde ich auch gleich, wenn ich nicht sofort was zu trinken bekomme!

DSC02943Wir sollen nun noch, ehe wir das lang ersehnte Tröpfchen endlich genießen dürfen, intensiv und in mehreren Atemzügen daran riechen. Trotz meiner Ungeduld versuche ich mich, auf das Experiment zu konzentrieren. Ich schließe die Augen und siehe da: vor meinem inneren Auge kommen schemenhaft Erinnerungen in mir auf. Ich rieche Gewürznelken und Pfirsiche, Nüsse, Weihnachten und etwas, das ich nicht einordnen kann – oder doch? Ich bilde mir ein, es duftet nach, naja, Mann! Wie ich später erfahre, enthält der Gewürztraminer unter anderem eine leichte Moschus-Note, ebendieses Aroma, das auch in vielen Männer-Parfums Verwendung findet. Das erklärt einiges. Nun endlich darf ich „ihn“, den Gewürztraminer,  auch schmecken. Sanft streichelt er meinen Gaumen, rinnt die Kehle hinunter, während die Säure schwer zurückbleibt und für ein leichtes Prickeln auf der Zunge sorgt. Der kräftige „Körper“, wie man die Gesamtsubstanz eines Weines bezeichnet, und das exotische Rosen- Pfirsich-Nelken-Bukett lassen mich tatsächlich für Sekunden in andere Sphären abtauchen. Der Nachgeschmack ist intensiver, als ich das von jedem anderen Weißwein sagen könnte. CUT. Ich glaub, das war der Moment, am dem es um mich geschah. Ich wusste, es ist Liebe. Liebe auf den ersten Schluck. Darf ich vorstellen: Gewürztraminer sein Name. Ich befürchte nur, dass dieses Teufelszeug auf mich leicht aphrodisierend wirkt…  Kein anderer Wein, den wir danach verkosten wird auch nur annähernd an das herankommen, was Letzterer in mir ausgelöst hat – ein wahres Feuerwerk an Sinneswahrnehmungen. Oder besser gesagt Sinnesvernebelungen… Nachdem ich mich nun in der Männerrunde in Lobeshymnen über diesen Wein ergieße, darf ich auch noch das Glas meines Begleiters leeren. Andreas will heute – trotz Weinprobe – noch Auto fahren und nippt fortan jeweils nur an den Gläsern. Den Rest überlässt er mir.

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Wir machen uns nun mit dem 2011er Spigel Lagrein, 2009er Castell Sallegg Lagrein Riserva und dem 2012er St. Mag­da­le­ner Huck am Bach, über drei Klassiker unter den Südtiroler Rotweinen her, wie Jürgen verrät. Beim Verkosten sollen wir darauf achten, welche Farbe die Weine besonders an den Rändern annehmen. Bei roten Weinen könne man an der violetten Färbung am Rand abschätzen, wie alt der Wein ist. „Junge Weine habe, wenn man sie im Weinglas betrachtet, an den äußeren Rändern violette farbliche Reflexe. Wenn der Wein älter wird, geht die Färbung ins ziegelfarbene bis bräunliche über“, erklärt Jürgen. Man spreche dann vom „Altersrand“. Und tatsächlich: Als wir den zweiten Rotwein, einen 2009er Lagrein im Licht daneben halten, erkennen wir, dass der drei Jahre jüngere St. Magdalener an den Rändern deutlich violetter ist.
In Südtirol werden zu rund 45 Prozent Rotweine gekeltert, 55 Prozent sind Weißweine. Ein Großteil der Rotweine wird aus den heimischen Vernatsch- und Lagrein-Trauben sowie aus Blauburgunder produziert. Bei den Weißweinen stehen Pinot Grigio, Gewürztraminer, Chardonnay und Weißburgunder an der Spitze. Wir erfahren von der Entstehung des Säuregehalts und dass dieser in direktem Zusammenhang mit dem Wetter im jeweiligen Jahr steht. Außerdem lernen wir, wie viele Duzend unterschiedliche Aromen – über fruchtige, würzige, holzige bis hin zu tierischen Noten – ein Wein in sich tragen kann. Einem Merkblatt, das uns Jürgen aushändigt, entnehme ich, dass es wohl auch Weine mit Meerrettich-, Stall-, Schweiß-, Schwefel-, Terpentin- oder oder gar Faule-Eier-Aroma gibt. Na Prost-Mahlzeit, Gott bewahre!
Es gelingt uns, die meisten der dominierenden Aromen der Weine richtig zu erraten. In demütiger Versunkenheit rekapituliert offensichtlich auch mein Begleiter, der „Korea“-Säufer, gerade jede einzelne der Dutzenden Flaschen teuren Rotweins, die er aus Papas Weinkeller geklaut hat, um sie daraufhin achtlos mit Pepsi aufzumischen.
Nach knapp zwei Stunden ist unser Weinseminar beendet. Schade, ich hätte Jürgens spannenden Erzählungen noch ewig lauschen können. Er lädt uns ein, am darauffolgenden Tag zu einer Führung und Verkostung in der Kellerei Tramin vorbeizuschauen, wo er als Sommelier arbeitet. Wir verabschieden uns und ich verlasse, zugegebenermaßen leicht benebelt, die Akademie. Mein Begleiter und Fahrer fühlt sich nach eigener Aussage noch fahrtauglich, so dass es uns erspart bleibt, unser naheliegendes Hotel im weiterhin anhaltenden nächtlichen Regen zu Fuß suchen zu müssen.
In freudiger Erwartung öffnen wir am nächsten Morgen die Vorhänge unseres Zimmers im 4-Sterne-Designhotels  „Guis la Residenza“ in Kaltern. Und siehe da: wir werden nicht enttäuscht:

20131116_124805-1Warm und intensiv blinzelt uns die Südtiroler Sonne bei frühlingshaften Temperaturen entgegen, während das nur drei Stunden weiter nördlich gelegene München Grau in Grau bei fünf Grad vor sich dahinsiecht. Alles richtig gemacht also – meine Erziehungsberechtigten hatten Recht behalten. Nicht von schlechten Eltern ist auch die Aussicht von unserem Balkon (mit privatem Whirlpool) über die goldgelb leuchtenden Weinfelder zum in der Sonne funkelnden Kalterer See. Doch bevor wir uns aufmachen zur Kellerführung, geht’s erst einmal ab in den Whirlpool, Sprudel an! Von der Sonne geküsst und den Massagedüsen gekitzelt – so kann der Tag beginnen. Dem relativ jungen Hotel ist der Spagat zwischen elegantem Design und Tradition durchaus gelungen. Gut ausgestattete Zimmer, modern, aber trotzdem mit viel Holz und authentisch-südtirolerischem Charme. Ein bisschen High-Tech im Wein-Auenland sozusagen. Das erwartet uns auch bei unserem Ausflugsziel am Nachmittag:  Schon von Weitem begrüßt uns das futuristisch anmutende Gebäude der Kellerei Tramin am Ortseingang auf, das stolz auf dem Hang über den endlosen Weinfeldern thront. Der 7-Millionen-Euro-Bau der Kellerei Tramin hat den Anspruch Weinbau und Architektur auf besondere Weise sinnbildlich zu vereinen: Wie eine übergroße Rebe umrankt eine grüne Aluminiumstruktur die Glasfassaden zu beiden Seiten des Hauptgebäudes. Fast unwirklich fügt sich das Gebäude in die grün-gelb gefärbte spätherbstliche Südtiroler Weinlandschaft, umgeben von den ersten schneebedeckten Alpengipfeln.
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P1250492Ich kann nicht so wirklich sagen, ob ich den modernen Bau, der da so pompös und gleichzeitig anmutend in die idyllische Umgebung gesetzt wurde, schön oder befremdlich finden soll, so sehr bin ich damit beschäftigt, ihn zu inspizieren. Da begrüßt uns auch schon Jürgen Geier in gewohnt fröhlich-mitreißender Art. Wir dürfen uns einer Gruppe Südtiroler Bänker anschließen, die hier auf Betriebsausflug gelandet sind. Hinter der Horde Anzugträger folgen wir Leo Tiefenthaler, dem Präsidenten der Kellerei Tramin und Obmann des Südtiroler Bauernbundes, hinab in die heiligen Katakomben der Südtiroler Traditionskellerei, dem hochmodernen Weinkeller. Während Leo Tiefenthaler die sehr arbeitsintensiven Abläufe der Weinproduktion von der Arbeit im Feld, über die Weinlese, der Produktion des Weines, bis hin zum Verkauf des fertigen Produktes erläutert, passieren wir neben riesigen Holzfässern auch ein Regal, gefüllt mit alten, verstaubten Weinen. Ich wage es nicht, sie anzufassen, kann aber an den Etiketten unter der dicken, milchigen Staubschicht erkennen, dass die guten Tropfen bereits einige Jahrzehnte in der Flasche verbracht haben.
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P1250573Das Prozedere bei der anschließenden Verköstigung im ersten Stock des Gebäudes ist mir nach unserem Seminar in der Weinakademie bereits vertraut. Mit dem frisch erlernten Handwerkszeug in Sachen Weinkunde schlagen wir uns sehr gut unter den Managern. Zu jedem Tröpfchen, das uns Jürgen einschenkt, plaudert Erfolgs-Kellermeister Willi Stürz etwas aus dem Nähkästchen. Indem ich einen Großteil seiner Weinproben übernehmen, opfere ich mich auch heute erneut tugendhaft für meinen Begleiter auf, der darauf besteht, das Auto selbst und halbwegs nüchtern zurück zum Hotel zu steuern.
Da uns schließlich am dritten Tag unserer Wein-Genuss-Reise die Sonne wieder fernbleibt, bleibt uns nichts anderes übrig, als den Tag überdacht mit weiteren Weinverkostungen  und Kellerführungen zu verbringen. Sowie unsere Reise mit einer privaten Weinprobe und einem feinen Fläschchen Gewürztraminer im Whirlpool ausklingen zu lassen. Was braucht man mehr, um sich wie Gott in Südtirol zu fühlen…
20131117_103224Solange wir noch fahrtauglich sind, beschließen wir, trotz des schlechten Wetters, ein wenig die Weinstraße zu erkunden, die sich von Nals im Norden über Terlan, Bozen, Kaltern, Tramin bis nach Salurn im Süden zieht. Allein die Gegend um Eppan zwischen Bozen und Kaltern ist mit über 80 Ansitzen, Burgen und Schlössern „besetzt“, die sich im Vorbeifahren, stolz auf einsamen Felsvorsprüngen platziert und eingehüllt in Nebelschwaden, geradezu gespenstisch präsentieren.
DSC03217DSC0320820131115_143500Auf dem Rückweg legen wir einen kurzen Stop auf dem historischen Weingut Manincor bei Kaltern ein, das sowohl für seine Architektur als auch die besondere Philosophie der Nachhaltigkeit im Weinbau bekannt ist. Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Frau, Gräfin Sophie, ist es Michael Graf Goess-Enzenberg, dem Grafen und Diplom-Önologen binnen weniger Jahre gelungen, das Weingut auf dem internationalen Parkett zu etablieren. Für mehrere Millionen Euro hat er das Anwesen vor einigen Jahren renoviert, seither gehen Prominente wie Wetten-Dass-Moderator Thomas Gottschalk oder Ex-TV-Kommisar Rex, Tobias Moretti dort ein uns aus. Wie der Graf bieten viele Weinbauern in Südtirol mittlerweile neben den hofeigenen Weinverkäufen auch dasWohnen am Weinhof mit an, was nach ausgiebigen Verkostungen durchaus von Vorteil sein kann.
DSC03135In der Enothek des Weinguts genießen wir mit Blick auf den Kalterer See eine Kostprobe des goldgelb leuchtenden „Moscato Giallo“ Goldmuskateller. Ich komme ins Gespräch mit zwei Polizisten der Südtiroler Polizei, die ihren blau-weißen Landrover vor der Türe geparkt haben und wohl hier ihren Feierabend einläuten. Ob es im Weinland Südtirol viele Probleme mit Alkohol im Straßenverkehr gibt, will ich von den Polizisten wissen. Immer wieder mal gäbe es Einsätze, erzählen sie. Erst vor wenigen Jahren habe man die Promillegrenze in Südtirol von 0,8 auf 0,5 herabgesetzt.

Geliebter Gewürztraminer – Oh du Tröster in der Not

Und wie es sich für eine waschechte Weinreise im Südtiroler Herbst gehört, wollen wir zum Abschluss noch einen echten „Törggelen“ miterleben, eine zur Weinernte typische deftige Brotzeit mit viel Fleisch, Wurst, Kastanien („Keschtn“) und frischem Most. Der Name wird von den traditionellen, alten Weinpressen, auch „Torggl“ genannt, abgeleitet. Früher stellten die Weinbauern während der Ernte nach Feierabend ein paar Stühle und Tische vors Haus und verköstigten dort das frisch Gepresste. Heute bekommt man zwischen Anfang Oktober und Ende November auch in vielen Gaststätten der Weinregion eine typische „Törggelen“-Mahlzeit. Im Hotel lassen wir uns eine für seine Törggelen-Veranstaltungen bekannte Location, nicht weit vom Hotel entfernt, empfehlen: Den Fischerkeller. Beim Inspizieren des Menüs wird deutlich, dass Törggelen definitiv nichts für Vegetarier ist. Es fällt uns zwischen geselchtem Surfleisch, Ripperl, Hauswurst, Blutwurst, Leberwurst, Kaminwurzen, gekochten Hauswürsten, Spanferkel vom Grill, und Haxe nicht leicht, etwas Nahrhaftes zu entdecken.

P1250645Die Kastanien gibt es erst in zwei Stunden, informiert uns der Wirt persönlich. „Die werden dann im Hof frisch geröstet“, kündigt er an. Als einzig vegetarisches Gericht der Karte lassen wir uns auf die typisch südtirolerischen Schlutzkrapfen, eine Art Ravioli mit Spinatfüllung, ein. Außerdem macht der Küchenchef für mich eine Portion Extrawurst: Statt Speckknödel bekomme ich eine Käse-, Spinat- und Pifferling-Knödelvariation. Dazu gibt’s frischen Traubenmost. Ich bin überrascht, als ich merke, dass dieser komplett ohne Alkohol ist. Um einem sofortigen Zuckerschock entgegenzuwirken, mische ich das pappsüße Gesöff mit Wasser auf und spüle gleich ein Glas meines geliebten Gewürztraminers hinterher.
Nach und nach füllen sich die langen Tischreihen in dem großen, urigen Gastraum. Mit den langen Bierbänken sieht es fast ein wenig aus wie auf dem Oktoberfest. Riesige Wagenräder zieren die Wand und drohen jeden Moment einen der darunter sitzenden Gäste zu erschlagen. Zum Essen bekommen wir musikalische Untermalung: Ein rotbackiger, südtiroler Musikant zieht mit seiner Ziehharmonika Stimmungslieder singend durch die Gaststätte. Es scheint als würde die Gstanzl-Kultur, wie man es wohl in Bayern und Österreich nennen würde, hier noch in ihrer vollen Blüte gelebt. Zumindest steigt der komplette Tisch der Dorfjugend mit ein und grölt jede einzelne Strophe inbrünstig und fehlerlos mit. Bald steht der halbe Saal auf den Bänken. Und es ist tatsächlich wie auf der Münchner Wiesn. Zwischendurch erzählt der Musikant den ein oder anderen schmutzigen Witz, zieht weiter in den Nebenraum und kommt wenig später wieder – im Anhang die jungen Gäste aus dem Nebenraum. Alle zusammen ziehen sie nun in einer Polonaise tanzend und klatschend durch den Raum. Der Musikant hat weitere Instrumente und Utensilien wie Helme, Mützen und Stöcke an seine Unterstützer verteilt, so dass sie nun das Bild einer etwas spärlich ausgestatteten Wikingergruppe abgeben.
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Die Stimmung ist ausgelassen und vermeintlich gastfreundlich. Ich versuche Kontakt zu den Einheimischen am Nachbartisch herzustellen, eine Familie mit Kindern; Opa und Oma sind offensichtlich auch dabei. Ein einsilbiges „Prost“ macht uns zu Freunden. Woraufhin alle Fragen, die ich anschließend an den Tisch richte, gekonnt ignoriert werden. Ich schiebe es auf die Lautstärke im Saal, mal ganz abgesehen von den tiefen Sprachbarrieren zwischen Südtirolern und Franken. Mit einem weiteren Glas Gewürztraminer tröste ich mich über die Ablehnung hinweg. Einigen Südtirolern scheint das Schwenken des Weines so in Mark und Bein übergegangen zu sein, dass eben alles Flüssige vor dem Trinken geschwenkt wird – egal ob Wein oder nicht. Zumindest schaukelt der Familienvater am Nachbar-Törggelen-Tisch sein Desperados- Bier so zwischen jedem Schluck als würde er da eben den edelsten Lagrein verköstigen.
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Unser Essen ist vorzüglich. Um das Törggelen-Mahl nun stilvoll abzuschließen, führt nichts um eine Portion Südtiroler Kastanien herum, die draußen im Hof geröstet werden. Auf dem Nachhauseweg beschleicht mich die Vermutung, dass der Ausdruck „Törggelen“ doch vielmehr auf die schwankende Gangart zurückzuführen ist, die man nach derartigen Veranstaltungen an den Tag legt, denn auf die altertümliche Weinpresse.
Fazit: So eine ungeplante Reise nach Südtirol kann doch herrlich sonnig, süffig, erholsam, lecker und durchaus lehrreich sein. Denn wie wusste schon der altgriechische Lyriker Alkaios von Lesbos: In vino veritas – Im Wein liegt die Wahrheit!

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Im siebten Himmel mit meinem Gewürztraminer –  Na dann, Prost!

Sieben Wahrheiten, die ich aus Südtirol mitgebracht habe:

  1. Weintrinken ist nicht einfach nur Glas ansetzen, runterkippen und warten, bis man ballaballa wird, sondern folgt bei Weinkennern einem strengen Protokoll: Glas ins Licht halten, Farbe interpretieren, Schlierenbildung am Glasrand, Wein schwenken, daran riechen, einen ersten vorsichtigen Schluck nehmen, etwas im Mund schlürfen, kauen, das Aroma in allen seinen Nuancen aufnehmen, um es anschließend einzuordnen.
  2. Wein „floppen“ lassen, ist was für Loser.
  3. Gewürztraminer wirkt nicht nur euphor- sondern auch aphrodisierend.
  4. Wie der Mensch, wird auch der Wein „miad“, wenn er altert.
  5. Südtirol ist auch was für Menschen unter 60.
  6. Sprachbarrieren zwischen Franken und Südtirolern sind am einfachsten durch gekonnt  freundliche, aber deutliche gegenseitige Ignoranz zu umgehen.
  7. Stört dich beim Arbeiten der Wein, dann lass das Arbeiten sein. In diesem Sinne beende ich meinen Text an dieser Stelle und werde mich nun hingebungsvoll dem Genuss meines neuen Südtiroler Lieblingsgetränkes widmen…

Weitere Informationen zur Südtiroler Weinstraße sowie dem Winepass gibt’s hier.

Diese Reise wurde unterstützt von der Agentur Südtirol Marketing. Meine Meinung, Ansicht sowie Begeisterung sind davon unberührt.

Text und Bilder: Kathrin Lucia Meyer





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Ein Trackback

  1. By L o m o h e r z | Danke für die Blumen on 18. Juni 2014 at 21:52

    […] schaut euch auch die tollen Blog-Beiträge der anderen beiden Finalisten an: Liebe auf den ersten Schluck von Kathrin Lucia Meyer sowie Mit einer mannsgroßen Camera obscura in Südtirol unterwegs von […]

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